Gisela Enders

eine dicke Frau startet durch

Meine ersten bewußten Erfahrungen mit Diäten oder dem Gefühl nicht richtig zu sein, habe ich in der Grundschule gemacht. Ich wog damals 33 Kilo, meine Freundinnen nur 30 Kilo. Entsprechend wollte ich mit einer Diät diese drei Kilo abnehmen. Ich weiß heute nicht mehr, ob es mir gelungen ist, wahrscheinlich schon, denn die meisten Diäten sind mir geglückt. Was mir nie geglückt ist, ist das niedrigere Gewicht zu halten. 
Ich kannte damals und auch in der ganzen Pubertät hindurch nicht die Fakten über Jo-Jo-Effekte und genetisch bedingte Körpergewichte, die sich nicht durch Diäten verändern lassen. Ich war unglücklich, weil ich durch meinen Körper eine vermeintliche Außenseiterin war. Als solche habe ich mich zumindest wahrgenommen. Daß ich immer einen großen Freundeskreis hatte, zwischendurch immer wieder Schülersprecherin war, einen frechen aber dennoch positiven Ruf selbst bei den Lehrern hatte, daß alles habe ich nicht gesehen, beziehungsweise immer so gesehen, daß ich dies alles trotz meiner dicken Figur erreicht habe. 
Meine eigene Pubertät habe ich, was die körperlichen Veränderungen angehen, in ziemlich scheußlicher Erinnerung. Ich entwickelte schnell und schneller als meine Freundinnen einen großen Busen, alle anderen weiblichen Merkmale wie breite Hüften und ein runder Po waren auch schnell da. Ich kann mich nicht erinnern, daß irgend jemand damals positiv auf diese Veränderungen reagiert hat. In der Schule gab es von Mitschülerinnen wie auch von Lehrerinnen und Lehrern regelmäßig fast euphorisch positive Meldungen, wenn ich mal wieder abgenommen hatte. Die Signale waren klar: Schlank war „in“, wenn ich wieder zugenommen hatte, mußte ich mich als Versagerin fühlen. 
Für meinen Weg war es sicherlich eine Rettung, daß ich mich mit 15 Jahren der Jugendumweltbewegung anschloß und damit als „Öko“ eine weitere Sonderrolle einnehmen konnte. Diese war gewollt und aus inhaltlicher und weltanschaulicher Perspektive bewußt gewählt. In der Gemeinschaft der „Ökos“ hatte ich das Gefühl, daß meine Figur keine Rolle spielte, wir waren zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt. Anfangs dachte ich vielleicht auch noch, daß hier jeder gebraucht wird, selbst ich. Im Laufe der Zeit habe ich mir dann selbst eingestanden, daß ich über ein hohes organisatorisches Talent verfüge und nicht einfach nur als Lückenbüßerin meinen Platz finden durfte. 

Durch meine Aktivitäten beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) hatte ich auch irgendwann keine Zeit mehr, Diäten durchzuführen. Anfangs, als ich noch nicht soviel zu tun hatte, ging das noch. Aber Diäten kosten Energie, körperliche wie geistige. Spätestens als Bundesjugendsprecherin hatte ich keine Zeit mehr für so was. Ich war immer noch nicht zufrieden mit meinem Körper, aber ich hatte auch nicht den Elan und die Zeit, etwas zu verändern. Im Gegenteil, ich wurde dicker. Das hat mich immer beunruhigt, aber meine Zeit und Kraft etwas zu verändern ging für Spannenderes drauf. 

1991 fand ich in Kassel eine Ankündigung zu einer Selbsthilfegruppe: „Als dicke Frau in unserer Gesellschaft leben“. Als ich den Ankündigungstext laß, über eigene Akzeptanz und den Unsinn von Diäten, wurde mir klar, daß ich mich zwischen zwei Wegen entscheiden konnte. Endlich wieder eine Diät zu machen, oder eben zu dieser Gruppe zu gehen. Ich entschied mich für Letzteres. Ich kann mich noch gut an das erste Treffen erinnern. Ich war geschockt über den Anblick so vieler dicker Frauen auf einmal. Und ich war erleichtert, weil die anderen dicker waren als ich. Es kam mir entsprechend auch gleich der Gedanke, daß ich da nicht dazu gehöre. Fast hätte ich nach einigen Treffen auch die Brocken geschmissen, weil mich die Themen am Anfang nicht mittelbar betrafen und ich mich eben auch nicht so richtig dazugehörig fühlte. Dies lag daran, daß die meisten Frauen verheiratet waren und Kinder hatten, entsprechend kreisten die Themen um diese Personen. Ich war 21Jahre jung, hatte keinen Partner und erst recht keine Kinder.
Langsam wurde mir dann bewußt, wie viele Themen dann doch etwas mit mir zu tun hatten, wie beispielsweise Arztbesuche oder eben meine eigene Diätgeschichte und die schmerzhafte Feststellung, daß Diäten auch bei mir nicht funktionieren werden. Trotz ihrer Unterschiedlichkeit wuchs die Selbsthilfegruppe beziehungsweise ihre Mitglieder zusammen. Für mich wurden die gemeinsamen Aktivitäten zu einem wichtigen Schwerpunkt. Hier konnte ich Dinge ausprobieren, die ich mich alleine dann doch nicht getraut hätte, wie beispielsweise Bauchtanz. Hier konnte ich über regelmäßige Kleiderbörsen auch gebrauchte Kleidung verkaufen und, für meine damaligen finanziellen Verhältnisse viel zentraler, ich konnte günstig Mode für mich einkaufen. Bei gemeinsamen Besuchen in der Eisdiele wurde mir die politische Bedeutung unserer Arbeit bewußt, sowie wir angestarrt wurden, erschien es mir um so wichtiger, gemeinsam der Öffentlichkeit deutlich zu machen, daß es uns gibt!

Über einen Artikel in der Frankfurter Rundschau beziehungsweise über die Recherche für diesen Artikel wurde eine Journalistin auf uns aufmerksam. Sie berichtete über uns als die einzige Selbsthilfegruppe in Deutschland mit dem Ansatz, kein Gewicht verlieren zu wollen. Ich war erstaunt! Ich hatte uns vorher nie als etwas so Besonderes wahrgenommen. 

Nach Erscheinen des Artikels meldeten sich viele dicke Frauen bei uns. Sie wollten mehr Informationen und selber Selbsthilfegruppen gründen. Zum damaligen Zeitpunkt arbeitete ich bei der BUNDjugend am Aufbau der Strukturen in den neuen Bundesländern. Seminare und Gründungshilfen waren mein Geschäft. Da lag es nahe, auch zu einem Seminar zur Gründung von Selbsthilfegruppen einzuladen. Dennoch, es sollte nicht zustande kommen. Einmal wegen zu geringer Anmeldungen. Beim zweiten Anlauf machte uns das Glatteis im nordhessischen Kassel einen Strich durch die Rechnung. 
Inzwischen gab es so viele Interessentinnen, die mehr engagieren wollten, daß ich irgendwann den Vorschlag machte, gleich einen Verein zu gründen. Dabei stand der Gedanken von Fördermitteln und einer Rechtsform im Vordergrund, an einen medienwirksamen Verein hatte damals sonst niemand gedacht. Entsprechend war es eher Zufall, daß zehn Tage vor dem ersten Treffen noch eine Presseerklärung zur Gründungsabsicht an einen kleinen Kasseler Presseverteiler heraus ging. Die Resonanz war umwerfend. Die größeren Agenturen berichteten schon im Vorfeld, bei der eigentlichen Pressekonferenz zur Gründung waren fünf Fernsehteams anwesend, Rundfunk, Agenturen und schreibende Presse natürlich auch. Die Berichterstattung war ausführlich und es gab zahlreiche Anfragen von dicken Menschen, die mitmachen wollten. Zum damaligen Zeitpunkt, im November 1995, hatte ich gerade mein Diplom als Stadtplanerin in der Tasche, aber wenig Lust in diesem Bereich zu arbeiten. Außerdem war ich aufgrund persönlicher Lebensumstände an Kassel gebunden. Ich hatte also Zeit für Dicke e.V. und übernahm die Organisation von individuellen und öffentlichen Anfragen.


Es war großartig. Niemand hatte damit gerechnet, so viele Anfragen zu bekommen, soviel helfen zu können, aber auch so viele ermutigenden Worte zu hören. Für mich und mein Körperverständnis war diese Zeit phänomenal hilfreich. Anfangs fand ich es noch irritierend, von einer Fernsehkamera von unten gefilmt zu werden, im Laufe der Zeit hatte ich damit und mit der Darstellung meines Körpers immer weniger Schwierigkeiten. Für einen längeren Bericht traute ich mich, nach einiger Zeit, einen Ausschnitt im Schwimmbad drehen zu lassen, mit Kopfsprung und Aufnahmen im Badeanzug. 

1997 hatte ich die großartige Möglichkeit, in einer sechswöchigen USA-Reise, die amerikanische Dickenbewegung, insbesondere die Organisation NAAFA – National Association to Advance Fat Acceptance, kennenzulernen. Die „NAAFA-Convention“ mit 600 dicken Teilnehmerinnen wird ein unvergeßliches Erlebnis für mich bleiben, aber auch die zahlreichen Besuche bei einzelnen Regionalgruppen, Autorinnen und der NAAFA-Bundesgeschäftsstelle haben intensive Eindrücke hinterlassen. Viele Hintergründe für dieses Buch basieren auf Gesprächen, die ich damals geführt habe oder auf Berichte und Artikel, die ich anschließend in einem großen Koffer aus den Staaten mit nach Deutschland gebracht habe. 

Ich habe in dieser Zeit mit Dicke e.V., in meiner damit verbundenen eigenen Auseinandersetzung mit meinem Körper, immer wieder Gewicht ab- und zugenommen. Abgenommen meist aus gesundheitlichen Gründen (wegen Allergien), zugenommen aufgrund des Jo-Jo-Effektes. Ich habe in dieser Zeit meinen Körper und dessen Reaktionen wertfreier beobachten können. Und es ist bei mir so, wie bei den meisten dic ken Menschen, Gewicht, welches ich abgenommen habe, werde ich wieder zunehmen, dazu noch ein bis zwei Jo-Jo-Kilos drauf. Dieser Rhythmus unterscheidet mich von keiner dicken Frau, aber das fehlende Schuldgefühl läßt mich damit deutlich einfacher umgehen. 

Meine berufliche Zeit bei Dicke e.V. – ich war von 1996 bis 1998 Geschäftsführerin – ging nach zwei Jahren zu Ende. Neue und andere Aufgaben wurden für mich wichtig. Heute bin ich Geschäftsführerin von der BUNDjugend und hoffentlich ein dickes Vorbild für viele Jugendliche. Aber im wesentlichen spielt meine Figur dort keine Rolle, ich bin wahrscheinlich (fast) in jeder Hinsicht eine starke Frau. 


 
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